Die Berufung des Kritikers

Am Wochenende sahen sich meine beiden Kleinen Rattatouille an. Ich kannte den Film bisher nicht und habe zunächst nur mit einem halben Auge zugesehen. Aber wie meistens bei Animationsfilmen stecken unter der Oberfläche höchst interessante und zeitlose Botschaften. In diesem Fall hat mich der Film dazu angeregt, über Kritik im Allgemeinen und über die Berufung zum Kritiker nachzudenken. Wie ihr ja sehen könnt, habe ich in meinem Blog auch eine Kategorie “Rezensionen”, die ich befülle, wann immer mir ein Produkt in die Hände fällt, mit dem ich mich auseinander setze. Aber nach Rattatouille überlege ich mir ernsthaft, diese Kategorie zu entfernen.

In der heutigen Zeit wird jeder Konsument zum Kritiker. Jeder schreibt Rezensionen auf Amazon.de oder vergibt Sterne in Online-Stores, und auch in der Rollenspiel-Community finden sich immer wieder jene, die in Blogs oder Foren Rezensionen verfassen. Ich finde das grundsätzlich gut, denn auch ich als Verbraucher profitiere von Empfehlungen, an die ich mich halten kann in diesem unendlichen Meer an Produkten. Aber ist auch jeder, der rezensiert, kritisiert, bespricht, beschreibt geeignet zum Kritiker?

Bis vor kurzem fragte ich mich in diesem Zusammenhang: Darf es wirklich sein, dass jemand eine Kritik schreibt, der selbst nie ein Buch geschrieben hat, eine Musik komponiert hat, einen Film gedreht oder ein Rollenspiel erdacht hat? Nun frage ich mich umgekehrt: Darf es sein, dass jemand eine Kritik schreibt, der selbst ein Buch schreibt, eine Musik komponiert, einen Film dreht oder ein Rollenspiel erfindet?

Die Kritiker von einst – ich meine die Hanslicks und Reich-Ranickis dieser Welt – sie waren unverblümt, gnadenlos, subjektiv, aber kompetent. Natürlich waren sie nicht immer fair, denn sie hatten ihre Lieblinge und Hassobjekte, aber davon abgesehen sahen sie sich mit ihrer Kritik vorwiegend dem Genre verpflichtet. Ihre Kompetenz erwuchs nicht aus der Fähigkeit, den Schaffensprozess nachzuvollziehen. Reich-Ranicki als Bestseller-Autor? Hanslick als weltberühmter Komponist? Wohl kaum. Dennoch waren sie anerkannte Größen. Ich komme also zu dem Ergebnis, dass man ein Produkt sehr wohl kritisieren kann/darf/soll, auch ohne selbst schon mal im Spotlight gestanden zu haben.

Viel gefährlicher erscheint mir der Kritiker, der seinerseits Schaffender ist. Jemand, der selbst ein Buch schreibt, selbst komponiert, selbst ein Rollenspiel verfasst, sieht überall Elemente, die er so nicht oder anders gemacht hätte. Keine Frage, er hat mehr Einblick in den Schaffensprozess, aber sein Blick ist – so sehr er sich auch um Objektivität bemüht – oft “geeicht” auf das, was er besser gemacht hätte. Im schlimmsten Fall verliert er den Sinn für das Ganze, wird zum Analytiker, zum Fehlersucher, der nur noch das Haar in der Suppe sucht und – in den meisten Fällen – auch findet. Damit solch ein Kritiker eine ausgeglichene Kritik schreibt, braucht es eine wahrlich erhabene Persönlichkeit.

Ich habe für mich beschlossen, dass mir der erste Kritiker in all seiner Unberechenbarkeit und potenziellen Gnadenlosigkeit lieber ist als der zweite. Ich möchte lieber von jemandem gelobt oder zerrissen werden, dessen Spezialität es ist, mich am Genre zu messen als an seinen eigenen unterdrückten oder im Wettbewerb stehenden Ambitionen. Und weil ich selbstkritisch bin und nicht mit Sicherheit beurteilen kann, ob ich die oben erwähnte Erhabenheit besitze, werde ich fortan keine Rezensionen mehr zu Themen schreiben, in denen ich selbst schaffend aktiv bin.

Ihr aber seid herzlich eingeladen, auf meinem Blog als Gastautoren Rezensionen zu neuen Produkten zu veröffentlichen, wenn ihr das wollt!

Don’t Panic Convention 2011

Samstag war mein Tag auf der Don’t Panic Convention in Wien. Dort gab’s Brettspiele, Kartenspiele und Rollenspiele, Tombola, Munchkin-Turnier, Gulasch um EUR 1,-, viele unnütze Flyer (darunter meine eigenen) und vieles mehr, und der Reinerlös von alldem geht an die Kinderkrebshilfe. Ich war zum ersten Mal dort, aber sicher nicht zum letzten Mal. Und das, obwohl für mich der Name der Con in dreifacher Hinsicht zum Programm wurde. Zumindest beinahe.

Das hatte allerdings nichts mit der DPC zu tun, die war nämlich toll organisiert, aber mit den Spielen, die ich dort spielte. Das erste Produkt, das ich mir aus der Spielothek krallte und das mich überforderte, war Quest. Ich schnappte mir drei Leute, um damit anzufangen, und ich nehme gleich das Ergebnis vorweg: Nach über einer halben Stunde saßen wir noch immer da und hatten keinen einzigen Spielzug getan. Vielleicht lag’s daran, dass ich noch keinen Kaffee intus hatte, vielleicht aber auch an der Art, wie die Spielanleitung geschrieben war. Jedenfalls schafften es vier Brett- und Rollenspieler nicht, das Spiel innerhalb schicklicher Zeit zum Laufen zu bringen. Da weint man echt Spielen wie Talisman hinterher…

Danach begab ich mich termingerecht in die Rollenspiel(?)-Runde, für die ich mich vorher schon per Forum angemeldet hatte: Fiasco hieß das Spiel. Ich muss sagen, eines der interessantesten Spielkonzepte, das ich jemals gesehen und gespielt habe, aber auch eines der anspruchsvollsten. Ich spiele und leite seit 25 Jahren Rollenspiele, aber bei Fiasco saß ich teilweise wie die Kuh vorm Tor. Das Konzept ist: Eine Runde von Spielern inszeniert – ohne Spielleiter, ohne Vorgabe, ohne Werte, ohne Proben – ein Drama. Würfel und Tabellen geben vor, wie die Spieler am Tisch mit einander verbunden sind, durch Objekte, Locations, Bedürfnisse, Geheimnisse etc., und dann überlegt sich jeder, wer er ist, was er darstellt, wie er heißt, und los geht’s mit der ersten Szene. Im Uhrzeigersinn wird jeder zum “Spielleiter für eine Szene”, gestaltet mit dem eigenen Protagonisten und beliebig vielen anderen aus der Runde das Geschehen. Da gibt es einiges an Feinheiten, z.B. kann man Szenen abschließen oder neue beginnen, und die anderen können entscheiden, wie eine Szene für den Spieler, der an der Reihe ist, ausgeht. Sehr spannend und sehr empfehlenswert, aber auch sehr fordernd!

Nach einer “Muss kurz alleine an die frische Luft”-Pause im nahen Eisgeschäft kehrte ich zurück und holte mir bei dem Kartenspiel Goblin Supremacy (GOSU) nostalgische Erinnerungen an meine Trading Cards-Zeit. Leider spielten wir nicht lange, denn dann war die Tombola (gottseidank gewann ich eine Frisbee-Scheibe und nicht eines meiner eigenen Produkte, yeah!), und kurz darauf kam die dritte Beinahe-Überforderung des Tages: mein eigener Flucht von Valmorca-Timeslot. Ich hatte nämlich 8 (!) Spieler am Tisch. Da waren Neulinge wie auch alte Hasen, Powergamer wie Storyteller, Jüngere, Ältere, und so etwas wie ein Gruppenkonsens wollte sich auch nicht recht herausbilden. Ich wagte das Experiment, Valmorca als Sandbox zu leiten, und prompt wollten manche Spuren nachgehen, andere ein Lager bauen, wiederum andere die Insel erkunden. (Einer der erfahrenen Spieler am Tisch wollte doch glatt mit der Großen Gabe ein Boot herbeibeschwören; was war ich erleichtert, dass er die Probe versemmelte!). Ich tat jedenfalls, was ich konnte, um die Gruppe zusammen und das Geschehen am Laufen zu halten, ließ Panter und Robur’s Barbaren einfallen, einen Magier mit der Tätowierung einer Schatzkarte auf der Brust auftauchen (und sterben). Beim heißen Teich trafen die SCs auf Iliss, die dort nackt badete und sich von den 8 Charakteren – oder eigentlich nur von einem – ziemlich in die Enge getrieben fühlte. Glücklicherweise einigte man sich, dass sie den SCs eine Rutsche in Torgars Lager legen würde, wenn sie ihr aus den Bergen der Alten das Sutiqi-Kraut brächten. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich relaxen und mich auf den Inhalt der Buchszenarien zurückziehen, für die ich auch Handouts vorbereitet hatte. Am Ende war für alle was dabei: Kämpfe, Rätsel, Lagerbau-Flair und ein bisschen Rollenspiel. 5 Stunden und einen Migräne-Anfall später (den ich mir hoffentlich aber nicht habe anmerken lassen) verkündete ich das Ende der Runde und erntete dafür ein kollektives “Öh, schade…” und einige sehr lobende Worte zu System und Setting, die mich außerordentlich freuten.

Es war dann schon recht spät, als man mir anbot, bei der Werewolf-Runde mitzuspielen, aber ich war in meinem Leben noch nie so fertig, daher musste ich das äußerst verlockende Angebot leider ablehnen. Aber nächstes Jahr gibt’s die Don’t Panic Convention ja wieder, und ich freu’ mich schon sehr drauf!

DSA 1 – die 27 Jahre verspätete Rezension

Während auf der RPC vergeblich auf DSA5 gewartet und Lizenzgeschichten gewälzt wurden, beging ich gestern einen Seitensprung mit meiner ersten Liebe: Ich trommelte meine Sonntagsrunde zusammen für ein One-Shot mit DSA 1. Einige hatten schon angemerkt, das mal wieder spielen zu wollen, also schnappte ich mir das Buch der Regeln, zeichnete ein Dungeon á la Silvanas Befreiung, dichtete einen Plot und los ging’s.

Ich muss sagen, DSA 1 fühlt sich nachwievor wie ein gutes Produkt an. Ich mag immer noch das Artwork, vor allem außen, aber auch innen, nur das Layout ist für heutige Maßstäbe eher kläglich. Der Schreibstil spricht mich ebenfalls an, auch wenn ich heute verstehe, warum ich als 11-jähriger Mühe hatte, das Ding zu begreifen. Das Buch der Regeln enthält Schnellstart-Regeln, normale Regeln, Detailregeln und optionale Regeln, und nicht alle sind deutlich von einander abgesetzt. Aber viel interessanter war es, das Buch der Regeln nicht nur zu lesen, sondern zu spielen, und zwar hardcore, ohne Ergänzungen oder Weglassungen. Dabei kamen interessante Erkenntnisse:

Das Erwürfeln der Helden zwingt einen zum Verkörpern von Konzepten, die man sonst vielleicht nie spielen würde. Für One-Shots okay, aber für längere Campaigns wollen die Spieler doch eher einen Wunschcharakter spielen und keinen Abenteurer. Ebenfalls bemerkt: Einen Elf, Krieger, Elf oder Zwerg “zusammen zu bringen” ist gar nicht so einfach, fühlt sich dafür aber sehr besonders an. Wir hatten gestern 2 Abenteurer und einen Elfen, und der war glaub’ ich durchaus glücklich, einen Elfen “geschafft” zu haben. Das vermittelt einem irgendwie auch das Gefühl der Welt, dass Magier und Elfen nicht an jeder Straßenecke stehen, und auch ein Krieger ist in DSA ja durchaus etwas Ritter-ähnliches, Besonderes. So gesehen spiegelt das Erwürfeln die Welt wider.

Positiv überrascht war ich von der Länge der Kämpfe. Ich hatte DSA-Kämpfe als lang in Erinnerung, aber die Orks, Goblins und besessenen Abenteurer, die ich den Spielern in den Weg stellte, waren recht flott Geschichte. Was hier zweifellos dazu beiträgt, ist die Regel des mörderischen Schlags, die auch heute noch eine gute Regel ist, weil sie das Spiel beschleunigt und nicht verkompliziert. Gar nicht schlecht fand ich auch die Bruchfaktor-Regel, die bei jeder Parade (!) gewürfelt wird und den BF eigentlich zum wichtigeren Wert macht. Schade nur, dass die Balance der Waffen so schlecht ist: Das Schwert macht am meisten Schaden von den Einhandwaffen, hat den besten Bruchfaktor und noch dazu keinen AT/PA-Malus. Da ist jeder blöd, der sich einen Kriegshammer nimmt.

Was ich auch nicht mehr wusste: Zaubersprüche gelingen teilweise ohne Würfelwurf. Balsamsalabunde und Armatrutz etwa funktionieren automatisch, nur bei den Save-or-Die-Zaubern werden Würfel gerollt und alle möglichen Stats vermanscht, aber dazu kam’s bei uns gestern nicht. (Unser Elf zog sich auf Fulminictus zurück, um mit 12 ASP einen Ork zu vernichten, der nur noch 2 LP übrig hatte, aber das ist eine andere Geschichte…)

Dieser Punkt ist übrigens im Zusammenhang mit dem Regenerations-Konzept von DSA 1 zu sehen. Dieses lautet nämlich: zipp. Genau. Es gibt keins. Ist das nicht kurios? Keine Regeneration!? Voll krass, aber es hat gepasst: Der Dungeon war plötzlich echt gefährlich, da es keine Möglichkeit gab, sich aufs Ohr zu legen und auf neue LP oder ASP zu hoffen. Was mir als SL sehr gut gefiel, denn solche Aktionen (“Ich hab’ nur 2 ASP, können wir nicht irgendwo mal ein paar Stunden schlafen?”) stören das Pacing.

Ich war natürlich auch als Meister voll retro und habe das Abenteuerkonzept so angelegt, dass auch Fackeln Mangelware sind, in der Hoffnung, dadurch die Charaktere zu einem gewissen “Zug” zu verhalten, und ich muss sagen, es hat auch gewirkt: Sie sind nicht blöd mal da lang, mal hier lang gelaufen, sondern haben sich genau überlegt, wie und in welcher Reihenfolge sie die Kammern abgehen, wie sie Fackeln sparen usw. Gefiel mir sehr gut, aber ich könnte mir vorstellen, dass es nur einmal funktioniert und die Helden ab dem nächsten Abenteuer jeweils 10 Fackeln im Rucksack tragen.

Das führt mich zur Tragkraft. Wir haben auch die Gewichte zusammenaddiert und protokolliert. Der Aufwand war nicht so sehr das Problem (auch wenn keiner der Spieler explizit Spaß dran hatte), aber vor allem die Relevanz: Die Tragkraft in DSA ist so bemessen, dass man sich (zumindest als durchschnittlich berüsteter Held) keine Gedanken über Seile, Fackeln, Proviant etc. machen muss. Das geht sich locker aus, und da wird das Addieren der Unzen bald eine unnötige Geschichte, die nur lästig fällt. Definitiv ein Punkt, den ich bei Destiny Dungeon anders lösen werde.

Gespielt hat sich das Ganze übrigens sehr locker und flüssig. Ich hatte als Meister jede Freiheit und nicht das Gefühl, mir Dinge aus dem Finger saugen zu müssen, die gegen das Regelwerk sind oder sein könnten. Die zwei Schienen – AT/PA versus Eigenschaften – waren kurz mal ein Thema (“Warum kann ich mit Geschick nicht ausweichen?”), aber ansonsten gab’s keine Missverständnisse oder regeltechnische Unwegbarkeiten.

Der gestrige Abend hat mir eines wieder deutlich vor Augen geführt, nämlich dass man ein System keinesfalls nach seinen einzelnen Bestandteilen beurteilen sollte. Mehr als sonst ist bei einem Rollenspiel das Ganze mehr als die Summe der Teile. Erst wenn alle Rädchen ineinander greifen, zeigt sich, ob es gut ist oder schlecht. Und DSA 1 ist definitiv ein gutes System gewesen. Ich sage “gewesen”, weil einfach die Ansprüche – zumindest meine – im Laufe der Zeit gestiegen sind. Ich mag keine unbalancierten Waffen, ich mag keine “höchstens RS:2″-Beschränkungen, ich mag keine Abenteurer spielen, wenn Magier mein Lieblings-Heldentypus sind, keine Dump-Stats wie MUT, und ich möchte mehr Entwicklung sehen als nur hier ein Punkt und da ein Punkt. Das sind Dinge, die für mich nicht (mehr) funktionieren. Aber das Grundsystem ist rund und stimmig und ermöglicht mit wenigen Elementen große Vielfalt. Jetzt weiß ich wieder, warum ich über 15 Jahre DSA gespielt – und geliebt – habe.