Goldfall – Kapitel 05: Goldfall

Wie ein Tausendfüßer schob sich der Pilgerzug über den Rand des Plateaus.

Das erste, was Learto sah, war der Quell, dem Goldfall seinen Namen verdankte. Es war kein riesiger Wasserfall, aber er strahlte etwas Besonderes, Erhabenes aus. Das Rauschen, mit dem das Wasser aus der Felswand trat, war bescheiden, aber allgegenwärtig.

Gebäude waren halbkreisförmig um das Heiligtum angeordnet und bildeten den Hauptplatz, von dem wiederum zwei größere Wege ausgingen. Sie waren mit Bauernhäusern und Hütten gesäumt, vor denen Tische und Bänke in allen Größen und Formen standen. Allerorts hingen Girlanden und bunte Bänder, und es roch verführerisch nach gegrilltem Fleisch und Knoblauch. Lachende Gesichter, wohin man sah, und ganz zart hob sich vom Geräusch des Wasserfalles der Klang einer Harfe ab.

Learto fühlte sich auf einmal wie zu Hause, nur wohler. „Seht Euch das an!“, rief er begeistert, „Wein, Bier, Spanferkel, Spiel und Tanz und Musik, und diese vielen hübschen Frauen! Bei Lyreya, das ist ein Ort, an dem man heimisch werden könnte. Ich muss mich sofort erkundigen, ob man hier noch einen Schmied braucht. Wisst Ihr was, Struggel, ich… Struggel?“

Struggel war bereits in der Menge verschwunden. Der Eindruck, ein bekanntes Gesicht erspäht zu haben, hatte ihn in den Trubel hineingesogen. Nach einiger Zeit interessierte ihn plötzlich brennend, woher das ätherische Harfenspiel kam. Dann kostete er von Süßholz, starrte eine honigfarbene Katze in die Flucht und warf einem Standbetreiber, der geschnitzte Wasserfälle verkaufte, vor, die Dummheit der Menschen schändlich auszunutzen. Der Mann war verständlicherweise ziemlich verblüfft.

Dann passierte Struggel eine Gruppe von Leuten, die um ein Bierfass standen, laut lachten und derbe Scherze über ihn machten, Es war ihm nicht anzusehen, ob er wusste, dass er Mittelpunkt ihres Spotts war, denn er lächelte nur in ihre Richtung und ging schließlich weiter, bis er zum Dorfplatz kam, wo das dumpfe Plätschern wie ein weicher Teppich unter all den Gesprächen und dem Gelächter lag. Feine Tröpfchen hingen in der Luft und kitzelten Struggel in der Brust, als er sich dem Wasserfall näherte. Mit großen Augen blickte er die Felswand empor. Sie musste etwa dreißig Schritt hoch sein. Auf halber Höhe schwallte das Wasser aus dem Gestein und sammelte sich am Boden in einem Teich, der – wie Struggel als Angehöriger eines Höhlenvolks sogleich erkannte – einen unterirdischen Abfluss besaß.

Noch einmal blickte er nach oben. Er schirmte dabei die Augen ab, die für das Leben Untertage gemacht waren und nicht für strahlend blauen Himmel. Die Sonne warf rotgelbe Flecken auf sein Gesicht, während er vage Pfosten und Seile ausmachte, die parallel zum Rand der Felswand verliefen.

Struggel stemmte die Hände in die Hüften und bedachte den Felsen vor sich mit einem skeptischen Grunzen. Dann fasste er in seine Plane und holte Meißel und Hammer hervor; so klein, dass man sie für Menschenspielzeug halten konnte. Für ihn aber war es Werkzeug. Er nahm den Meißel in die linke, den Hammer in die rechte und trippelte zur Felswand. Dort, wo das Gestein trocken war, fuhr er mit den Fingern dem Wuchs entlang und setzte schließlich den Meißel an.

„Wollen doch mal sehen, welcher fauler Zauber hinter diesem angeblichen Wunder steckt…“, murmelte er zu sich selbst und schlug mit dem Hammer fest zu. Die Stelle war fachmännisch gewählt gewesen und riss nach nur einem einzigen Schlag mit einem lauten Knacksen über drei Ellen hinweg, bevor sie mehrere Handbreit tief vom Fels abbrach. Krachend fiel der Brocken zu Boden.

Struggel freute sich, als er die innere Struktur des Gesteins erkannte. „Wusst‘ ich’s doch! Junger Mankusgalganit.“

Stimmen ließen ihn abrupt herumfahren.

„Was machst du da, Gnom??“, rief ein stämmiger Mann mit mehr Bart als Haar. Die Sorte Mensch, urteilte Struggel schnell, der man besser nicht in die Hände fiel.

Eine Frau hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. „Seht doch! Er hat den heiligen Felsen beschädigt!!!“

„Bei den Göttern! Der Wicht hat den Goldfall entweiht!!!“

„Das wird Lyreya nicht ungestraft lassen.“

„Wir alle werden dafür büßen!“

„Ersäuft den Frevler gleich im Teich“, schlug ein anderer vor.

Struggel wedelte mit den Armen und verteidigte sich mit einem Wortschwall der Verzweiflung, doch ehe er sich’s versah, stürzte man sich auf ihn, riss ihm die Tatwaffe aus der Hand und schleppte ihn davon.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

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