DSA – Die Schreckliche Allmacht?

Puh, da geht es gerade ziemlich rund im Netz. Die DSA-Umfrage mit ihrem mE eher dünnen Fazit zieht weite Kreise. In Google+ wird heftig diskutiert, Arkanil outet sich in seinem Blog ziemlich heftig, im Tanelorn wird fleißig ge-rant-et (furchtbares Wort, übrigens), und und und. Grund genug, dass ich mir die Frage gestellt habe, warum DSA eigentlich so verdammt heftig polarisiert.

Sind die 3W20 wirklich so schlimm? Ich habe bereits in G+ kommentiert, dass ich die 3W20 für ein Symptom halte, aber nicht für das eigentliche Problem. Völlig richtig wurde bemerkt, dass das Auseinanderfutzeln von Würfeln bei einem großen Dicepool mindestens ebenso „unhandlich“ ist, und auch dort sind die Wahrscheinlichkeiten nicht so super-intuitiv abschätzbar. Also nein, die 3W20 sind nicht das Problem. Aber was ist dann das Problem? Attacke-Parade? Ich glaube, das Problem ist auf einer ganz anderen Ebene zu suchen. Weil das jetzt gleich extrem unwissenschaftlich wird, möchte ich gleich  vorausschicken, dass ich DSA geliebt habe und es länger als jedes andere System gespielt habe, einschließlich meine eigenen (und das heißt was!).

Meine erste Überlegung: Da staut sich einiges an negativer Energie gegenüber der DSA-Redaktion. Bei mir war’s zumindest lange Zeit so. Ich habe mich immer sehr darüber geärgert, dass ich, was den Metaplot betraf, gegängelt wurde, dass die Fakten, die ich mir selbst zu Aventurien ausgedacht habe, nach dem nächsten Aventurischen Boten ganz anders aussahen, dass man mir als kreativen SL wenig Raum gab etc. Mein persönlicher Unmut richtete sich aber eher gegen „die dort“ als gegen DSA selbst.

Der allgemeine Zorn gegen „die Großen“. Wir erleben ja tagtäglich, dass große Konzerne (Google, Microsoft, Apple) von den jeweils anderen Fans angefeindet werden. Das war auch schon vor 30 Jahren so (Atari vs. Commodore, hach). Wer Marktmacht hat, hat eben Feinde. Und DSA hat nachweislich Marktmacht.

Ich selbst ertappe mich auch manchmal dabei, einen inneren Groll gegen DSA zu hegen, der aber nichts mit DSA zu tun hat, sondern purer Neid ist auf die Größe seiner Community, auf seine  finanziellen Ressourcen und und und. Vielleicht denken andere auch so wie ich zuweilen: „So eine Schande. Die haben so viele Käufer und so viel Kohle, und gehen mit Elementen hausieren, die steinalt und nicht mal genial sind“. Stimmt vielleicht oder auch nicht, aber jedenfalls sind diese Elemente über Jahrzehnte gewachsen und ein Teil dessen, was DSA ausmacht. Genauso wie jene 6 Attribute Teil von D&D sind und sich auch dort niemand traut, das über Bord zu werfen. Ist wie bei einer Schönheits-OP: Ein Mensch kann dadurch schöner werden, aber auch einen Teil seiner Identität verlieren. Ich persönlich möchte die Entscheidung nicht treffen, DSA zu verschönern. Ich bin froh, dass ich in der Position bin, etwas ganz Neues zu machen. Wenn auch mit deutlich kleinerer Käuferschicht…

Unbeweglichkeit ist das, was man DSA vielleicht noch am ehesten vorwerfen kann. Man sieht, D&D versucht, sich zu bewegen, auch wenn sie mit D&D Next Gefahr laufen, viele Stammspieler zu verlieren. Aber wohin wird sich D&D bewegen? Vermutlich dorthin, wo die Käuferschicht am dicksten ist. Nicht notwendigerweise dorthin, wo das System am elegantesten und innovativsten ist. DSA verfolgt hier wenigstens eine klare Linie: Sie bieten das, was sie immer schon geboten haben, und sie binden ihre Spieler exzellent. Kann man ihnen diese Spielerbindung wirklich vorwerfen?

Die Community ist sehr verschieden. Auf der einen Seite haben wir eine Spielerschaft, die Indie-Konzepte in sozialen Medien verbreitet, Kickstarter-Projekte backt (urgl) oder – so wie ich – selbst Rollenspiele veröffentlicht. Auf der anderen Seite haben wir die DSA-Stammspieler, die seit 30 Jahren DSA spielen und NUR DSA spielen. Die kennen jeden Weiler zwischen Paavi und Al’Anfa und fühlen sich richtig wohl. Und sie sind auch resistent gegen „Aufklärungsversuche“. Die anderen wiederum glauben, dass Rollenspiel sehr viel besser sein kann als mit DSA. Ich empfinde das auch so, aber es nutzt halt nichts, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Wenn das so wäre, hätte ich meinen Kindern bereits den Reiz von Obst und Gemüse näher bringen können – worin ich übrigens ebenso gescheitert bin wie DSA-Spielern in meinem Bekanntenkreis DESTINY schmackhaft zu machen.

Wo Menschen miteinander interagieren, gibt es immer fortschrittliche und konservative Strömungen. Und es gibt politische Parteien oder in diesem Fall Verlage, die sich das eine oder andere zu Nutze machen. Meiner Meinung nach setzt DSA auf einen gewissen Konservativismus, was man nicht gut finden, aber akzeptieren muss. DSA- und DSA-Spieler-Bashing bringt nichts, sondern treibt die Fronten nur weiter auseinander. Besser wäre es, diese Spieler zu integrieren, sie zu wertschätzen (sie machen vermutlich den zahlenmäßig größten Teil unserer Community aus!) und ihnen Alternativen sozial verträglich anzubieten, und dabei vielleicht nicht gleich mit Fate oder PDQ ins Haus fallen, <Werbung> sondern ev. mit etwas Verdaulichem wie PORTAL. </Werbung>

Eine Diskussion über DSA und die Dinge, die es gut und richtig oder schlecht und falsch macht, kann fast nicht neutral und sachlich geführt werden. DSA ist ein über 30 Jahre gewachsenes Rollenspielsystem mit einer extrem immersiven Hintergrundwelt. Spieler eines solchen Produkts identifizieren sich derart damit, dass sie Kritik an „ihrem“ Spiel sehr persönlich nehmen. Ihnen diesen feinen Unterschied klar zu machen, ist ungefähr so aussichtsreich wie das berühmte „Ist nichts Persönliches“, das die Bösewichte im TV von sich geben, bevor sie dem Protagonisten ein Ohr abschneiden.

Lassen wir also den DSA-Spielern ihre Ohren und ihr geliebtes Spiel und sorgen wir lieber dafür, dass die Tore von und zum DSA-Flügel der Community weit offen stehen und keine abschreckenden Türsteher den gegenseitigen Austausch verhindern. Amen.

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11 Gedanken zu “DSA – Die Schreckliche Allmacht?

  1. Hi!

    Sehr schön gesagt.. Ich selbst habe DSA immer nur ein wenig angespielt und nie langwierig betrieben. Ich mag die Welt von DSA, fühle mich aber durch die schiere Regelwelle, die über einen hereinbricht, abgeschreckt.

    Der 3w20, wie du richtig sagst, ist kein Problem an sich. Er treibt nur alles ein wenig in die länge. Unelegant, gehört für DSA Spieler aber offenbar genauso zum Flair des Systems wie die meines Erachtens nach herzigen, aber an Kinderreime erinnernden Zaubersprüche.

    Es gibt ja auch mittlerweile mehrere Systeme, mit denen man sehr schön DSA spielen kann. Sei es das Dungeonslayer Modul, oder das wilde Aventurien/Savage World. Also muss der Regelwust und der 3w20 nicht abschreckend sein. Aber was mich als Spielleiter stören würde wäre auch die Dichte an „Welt“ die einem soviel vorzeigt. Natürlich MUSS man nicht danach spielen. Ich selbst spiele lieber Sandboxing-systeme/welten. Ich glaube man kann lange über DSA diskutieren und wird nie auf einen grünen Zweig kommen.

    Es ist eben subjektiv, aber ich glaube die Kernpunkte die zu den Zwisten führen sind im Großteil:
    *Regelsystem
    *“Hintergrundinformationsdichte“
    *“Alteingesäßenheit der Spieler“

    Soviel zu meinen 10 Cent zu DSA…
    Liebe Grüße aus Deutsch-Wagram

    FrekiWolf

  2. Ich denke auch nicht, dass die Regeln von DSA ein wirkliches Problem sind, so altbacken und sperrig sie auch sein mögen. DSA hat hält den Ruf als Besserwisser- und Klugscheisser-RSP, zurecht oder zu Unrecht. Es gibt einen Kanon, der sieEntwicklung der Welt betrifft, den Metaplot. Der nimmt Freiheiten und erlaubt es Leuten, die die Zeit haben sich damit zu beschäftigen, am Tisch immer dann doch noch etwas zu finden, dass der SL oder ein Spieler nicht richtig macht oder weiß. Und dann gibt es ja auch noch die Vorstellung vom „richtigen Rollenspiel“ aus kiesowschen Zeiten (sei es so gemeint gewesen oder nicht, aber das Bild haftet. Kurz gesagt, DSA und sind Spieler haben ihren Ruf weg. Ich glaube, das ist schon die ganze Geschichte.

    • Das bevormundende Element ist mir so noch gar nicht aufgefallen, aber jetzt, da du es erwähnst, erkenne ich das Muster auch. Da könnte etwas dran sein.

      • Dieser Ruf haftet an DSA halt schon lange und ausgiebig, auch wenn er sicher nicht immer unbedingt der Wahrheit entsprechen muss. Tut aber doch immer wieder gerne mal. Ich habe auch das Gefühl, dass „Storyteller“ rechthaberischer wirken, wenn es um Spielstile geht als „Tabletopper“ (~ D&D), aber das kann auch daran liegen, dass ich zu der letzteren Gruppe gehören.

  3. Ich danke euch für die freundlichen Repliken auf den Artikel, auch auf Google+. Es ist schwer, bei einem solchen Thema neutral zu formulieren, so dass niemand etwas Böses hineininterpretiert. Das zahlreiche positive Feedback lässt hoffen, dass mir das ansatzweise gelungen ist.

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