Goldfall – Kapitel 07: Das Wunder

Struggel und Learto verbrachten die Nacht in einer Taverne am Hauptplatz, in der nur deshalb noch Zimmer frei waren, weil sie für die meisten Pilger zu teuer war. Struggel tat ums Geld nicht Leid, aber Learto kostete es das letzte Kupferstück. Dafür fragte man ihn ständig, ob er mit dem Zimmer zufrieden sei, ob er vielleicht ein Bad wünsche oder ob man seine Kleidung ausklopfen oder möglicherweise frische Blumen aufstellen solle. All das hasste Learto, aber er war froh, überhaupt ein Dach über den Kopf gefunden zu haben.

Struggel beging den Morgen indes mit strahlender Laune. Er schien die unerfreulichen Ereignisse des vergangenen Tages vergessen zu haben, und Learto sah keinen Grund, ihn daran zu erinnern.

So verbrachten sie den Vormittag damit, fröhlich durch das Dorf zu spazieren, die hiesige Handwerkskunst zu bewundern und mit den Einheimischen über das Wunder zu plaudern. Immer wieder liefen ihnen Leute über den Weg, die am Vortag Zeuge gewesen waren, als Struggel den Fels beschädigt hatte. Sie konnten nicht fassen, dass der gotteslästerliche Trosh sich immer noch in Goldfall aufhielt, und sie hätten wohl persönlich für seine Abreise gesorgt, hätte Learto sie nicht mit finsteren Blicken auf Abstand gehalten.

Zu Mittag war es dann soweit, und sie bewegten sich zum Wasserfall. Noch bevor die Sonne ihren Zenit erreichte, versammelten sich dort Hunderte von Pilgern auf dem Dorfplatz. Man hatte Bänke aufgestellt, allerdings viel zu wenige für die riesige Schar. Zu Leartos Überraschung enthüllte Struggel, dass er in weiser Voraussicht Plätze besetzt hatte. Der Schmied fragte ihn, wie er denn das gemacht hätte, daraufhin führte ihn der Trosh zielstrebig zu einer Bank, auf der sich zwei Hinternbreit schleimige Rückstände befanden.

„Ich wusste, dass sich niemand freiwillig hierher setzen würde“, kicherte er.

Learto verzog angewidert das Gesicht. „Ja, wirklich eklig. Und was sollen wir nun… oh, was habt Ihr da?“

Struggel zog ein Tuch hervor und breitete es gewissenhaft über den Schleim. Dann lud er den überraschten Learto mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

Von der Bank aus hatten sie ungetrübte Sicht auf den Goldfall – wozu auch immer das gut war, denn Struggel bezweifelte nach wie vor, dass etwas Wundersames geschehen würde. Nach einiger Zeit aber rieb er sich die Augen. „Keine einzige Wolke am Himmel“, beschwerte er sich. „Es ist so hell, dass ich fast nichts sehen kann. Ihr werdet mir wohl alles beschreiben müssen.“

Learto verschränkte die Arme und lachte. „Damit Ihr hinterher behaupten könnt, ich hätte Euch Märchen erzählt? Euch ist auch wirklich keine Ausrede zu billig, Struggel!“

Die Augen des Trosh veränderten sich aber tatsächlich, seine Pupillen schrumpften zu stecknadelkopfgroßen Punkten. Das Sonnenlicht blendete ihn. Er schirmte es mit den Händen ab, wie viele andere auch, die so versessen darauf waren, das Wunder zu sehen, dass sie sich nicht einmal zu blinzeln getrauten. Manchen liefen sogar Tränen über die Wangen.

Die Sonne musste den Höchststand erreicht haben, da versickerte das Gemurmel am Platz. Nur das Plätschern des Wasserfalls war zu hören, und von Männern mit muskulösen Oberkörpern wurde eine Sänfte herbeigetragen. Ihr entstieg, mit der Grazie einer Tänzerin, die Hohepriesterin und verkündete mit glöckchenhafter Stimme die Zeit des Wunders.

„Preiset Lyreya!“, rief sie. „In ihrer Großzügigkeit wird sie, die ihr lieben Leute sie als die Göttin der Schönheit, der Spiele, der Künste und der Liebe kennt, schon bald eure Herzen erfreuen. Wie Ihr wisst, jährt sich am heutigen Tage die göttliche Rettung des singenden Mädchens. Vor langer Zeit bewirkte die Vollkommenheit ihres Liedes, dass aus diesem Wasserfall pures Gold strömte. Zum Gedenken lässt die Göttin Jahr für Jahr jenes wunderbare Gold fließen, und so sie will, werdet auch Ihr, die Ihr so zahlreich nach Goldfall gekommen seid, für Euren tief empfundenen Glauben belohnt und Zeugen eines wahrhaft göttlichen Mirakels werden.“

Sie beendete ihre Ansprache mit einem Lächeln, das Learto den Mund offen stehen ließ, und zog sich anschließend würdevoll in die Reihen des Publikums zurück. Pilger stimmten nun einen leisen Gesang an.

Weitere Minuten vergingen, und immer noch starrten alle auf den Quell. Gleichbleibendes, angenehm beruhigendes Rauschen war zu hören. Als der Schmied sah, wie Struggel in sich zusammensank, weckte er ihn mit einem sanften Ellbogenstoß. Von da an ging Struggel dazu über, unruhig hin und her zu wetzen.

Nach einiger Zeit wurde selbst Learto ungeduldig. Er drehte den Kopf wie beiläufig und sah, dass er nicht der einzige war, der sich umblickte. Auch andere schienen sich zu fragen, wann endlich das Wunder statt finden würde. Verhaltenes Gemurmel stellte sich allmählich unter den Anwesenden ein.

„Na, wo bleibt denn nun Euer Wunder?“, ätzte Struggel leise, als im selben Augenblick Schreie durch die Menge gellten. Auf einen Schlag krümmten sich alle Anwesenden vor Schmerzen. Auch Struggel fiel vornüber von der Bank, und Learto hielt sich den Kopf, als hätte ihm jemand einen glühenden Dolch in die Schläfe getrieben.

Nach einem Zeitraum, der wie eine Ewigkeit schien, ließen die Schmerzen nach, und ein dumpfes Pochen blieb in den Köpfen der Menschen zurück. Struggel rollte orientierungslos die Augen.

„Bei den Göttern, was war das!!“, keuchte Learto tränend und versuchte, sein Gleichgewicht wieder zu finden. Die Menschen liefen bereits durcheinander, schrien vor Schmerz, viele rannten davon, manche verloren die Balance und stürzten zu Boden, andere blieben liegen und flehten die Göttin um Gnade an, wiederum andere trampelten über die, die am Boden lagen, hinweg. Pures Chaos griff um sich.

Learto schnappte Struggel und zog ihn so schnell er konnte zur Seite, in den Schatten der Taverne.

„Das also war Euer Wunder. Sehr beeindruckend…“, sagte der Trosh mit einem Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen, doch Learto rüttelte ihn durch: „Ihr solltet das lieber ernst nehmen! Ist Euch nicht klar, was gerade geschehen ist?“

„Oh doch! Nichts ist geschehen!“

„Das Wunder der Lyreya – es ist ausgeblieben! Und das, nachdem Ihr den heiligen Felsen beschädigt habt! Begreift Ihr, was ich zu sagen versuche?“ Seine Augen waren geweitet vor Sorge und er deutete auf die Dörfler: „Wenn die da auf die Idee kommen, dass das Eure Schuld sein könnte, dann kann nicht einmal ich euch retten!“

Da erinnerte sich Struggel an das, was Tags zuvor geschehen war, und er erkannte plötzlich die Gefahr, in der er sich befand.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

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