Goldfall – Kapitel 13: Unfall

Es war beim ersten Morgengrauen des darauf folgenden Tages, als die Tür mit einem lauten Krachen aufflog und Learto aus dem Schlaf riss. Ein Mädchen mit zerzaustem, kurzem Haar und spitzer Nase stolperte um Atem ringend in das Innere und schrie: „Ihr da, Schmied, kommt schnell, Euer Freund stirbt sonst!!“

Learto warf einen Blick zu Struggels leerem Bett, rollte sich aus dem seinigen und wollte Fragen stellen, doch die Kleine war bereits verschwunden. Er konnte noch seinen Hammer hervorholen und lief ihr, bloß mit seinen Beinlingen bekleidet, hinterher, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Er sah ihren Umhang hinter der Treppe verschwinden, dann hinter der Tür, dann hinter der Hausecke, schließlich ihre Spuren im dünnen Schnee – und dann sah er Struggel: Der Trosh hing in zwanzig Schritt Höhe an der Felswand mit einer Hand am Seil der Promenade, schräg oberhalb des Wasserfalls. Seine Beine wedelten wild umher und versuchten vergeblich im glitschigen Felsen Halt zu finden.

„Cator hilf!“, rief Learto erschrocken und stürmte über den Hauptplatz. Es war nur eine Frage von Augenblicken, bis Struggels Kräfte ihn verlassen würden. Als der Schmied die Felswand erreichte, blickte er sich hilfesuchend um. „Was soll ich tun?“, rief er panisch nach oben, und nochmals: „Was soll ich tun??“

Struggel kam nicht mehr zum Antworten, denn in diesem Augenblick glitten seine Finger ab, und begleitet von einem langgezogenen Schrei fiel er vom Felsen. Learto riss die Arme nach oben für einen verzweifelten, fast selbstmörderischen Versuch, seinen kleinen Freund aufzufangen. Der Trosh wirbelte dem Boden entgegen, und das letzte, was ihm in den Sinn kam, war – kräftig zu pusten.

Wind heulte auf, und Schneeflocken stoben auseinander. Learto spürte einen sturmartigen Luftzug, der ihn beinahe von den Füßen fegte. Seine Augenlider flatterten, und einen Herzschlag später sauste ein dürrer Körper in seine Arme. Die Wucht des Falles war durch den plötzlichen Windstoß deutlich gemildert, dennoch warf es Learto um, und Struggel schlug hart auf dem felsigen Untergrund auf.

Learto kniete sofort neben ihm nieder und drehte ihn so, dass er das Gesicht sehen konnte, doch seine Augen waren geschlossen. Blut sickerte aus einer tiefen Platzwunde. Hände, Schulter und die rechte Gesichtshälfte waren aufgerieben. Learto rüttelte ihn, doch Struggel wachte nicht auf.

„Nein!“, rief Learto ungläubig, „das darf nicht sein! Struggel, wacht auf! Wacht auf!“

Struggel rührte sich nicht.

Ein Stoßgebet zum Himmel schickend, griff Learto mit beiden Händen in das Wasser, in das sich der Wasserfall ergoss, und leerte es in das Gesicht des Trosh. Da zitterte der kleine runde Mund und gab ein kurzes Röcheln von sich. „Lyreya sei Dank!“, flüsterte Learto und sank erschöpft über seinem Freund zusammen.

Struggel verbrachte den ganzen Tag in seinem Bett in der Taverne. Learto hatte einen Heiler ausfindig gemacht, der zwar gnadenlos nach Schnaps stank, aber sein Handwerk beherrschte und die Wunden ordentlich säuberte, nähte und danach ein Gebräu gegen den Dumpfschädel verabreichte. Der Trosh wehrte sich anfangs gegen „die bittere Gülle“, aber schon am Nachmittag fühlte er sich stark genug, um aus dem Bett zu tapsen.

„Bleibt gefälligst liegen!“, scholt Learto, der gerade zur Tür herein kam, und schob ihn sanft wieder zurück in die Waagrechte.

„Wie zum Kogunilunsdrum soll ich von hier aus meine Unschuld beweisen?“, keifte Struggel zurück.

„Ah! Daran könnt Ihr Euch wenigstens noch erinnern. Warum Ihr aber in aller Götter Früh an der Felswand hängt, habt Ihr wohl vergessen. Ihr seid ein wahrlich seltsames Volk…“

Learto leerte den Inhalt eines kleinen Sacks auf das Bett. Äpfel und Nüsse kullerten heraus sowie eine kleine Holzflöte an einem Lederband. „Die Äpfel sind mein Lohn dafür, dass ich für Euch den ganzen Tag widerlichen Gerüchten nachgelaufen bin. Die Nüsse sind gegen Eure Gehirnerschütterung, und diese Flöte hier ist für Euch. Wenn Ihr das nächste Mal in Gefahr seid, könnt Ihr damit um Hilfe pfeifen.“

Struggel betrachtete die Flöte geringschätzig und gab sie Learto zurück. „Das ist Kinderspielzeug, Meister Schmied! Wollt Ihr mich beleidigen? Erzählt mir lieber, was Ihr in Erfahrung gebracht habt.“

Learto zuckte mit den Schultern und berichtete, dass sich im Lyreya-Tempel das letzte Stadium der Meditation abzeichne und die Priesterinnen deshalb allesamt unabkömmlich seien. Vom Dorfsprecher Gorwin, den er als freundlichen Gesell kennen gelernt hatte, habe er weiters erfahren, dass Kardia nicht nur ein hochangesehenes Mitglied des Dorfes sei, sondern selbst einen Sitz im Dorfrat inne habe und dem Lyreyatempel regelmäßig große Spenden zukommen lasse. Er beschwörte Struggel noch einmal, sich gut zu überlegen, ob es weise war, diese Frau zu verärgern. Immerhin gebe es keinerlei begründeten Verdacht gegen sie.

„Wer, glaubt Ihr“, erwiderte Struggel, „brachte mich heute Morgen in diese missliche Lage? Ich weiß zwar nicht mehr, wie und warum ich dorthin ging, aber ich muss mich nicht erinnern können, um zu wissen, dass sie dafür verantwortlich ist.“ Er fügte mit aufgerissenen Augen hinzu: „Sie fühlt sich von mir bedroht, Meister Schmied!“

Learto sah den kleinen, dürren Trosh mit seinen schielenden Glubschaugen an. „Wenn Ihr das sagt…“

Dann schnappte er sich einen Apfel und biss herzhaft hinein. „Der Junge, von dem ich diese Äpfel habe, verkaufte übrigens auch am Tag des Wunders welche. Er konnte sich aber nicht daran erinnern, Kardia dort gesehen zu haben.“

„Aha!“, schnappte Struggel. „Aber sagt doch, wie reden die Leute so allgemein von ihr?“

„Man sagt, sie sei sehr gebildet und wunderschön gewesen. Sie habe viele Verehrer gehabt, aber nur einen Mann an sich heran gelassen, eben den mittlerweile verstorbenen Zimmermann. Ihr Talent, Harfe zu spielen, sei einzigartig im ganzen Land.“

„Beim großen Kogunigulsdrum, erzählt denn niemand etwas Schlechtes über sie?“, ärgerte sich Struggel.

„Eitel und hochmütig war das Abscheulichste, was ich über sie gehört habe.“

Struggel rieb sich die Augen. „Hm… was ist mit der Harfe?“

„Ihr erinnert Euch doch sicher an den Kräutermann, der Euch die ‚bittere Gülle‘ gebraut hat. Er erzählte mir, dass einige der Farben, mit denen Kardia ihre Instrumente lackiert, hierzulande nicht vorkommen. Er vermutet, dass sie die Farbstoffe von Händlern aus dem Süden kauft. Geld scheint sie ja im Überfluss zu haben.“

„Hm… ich kann mir nicht vorstellen, dass hier viele Händler vorbeikommen, um Farbstoffe zu verkaufen. Vielleicht hat sie sie selbst hergestellt.“

„Wie das denn?“

„Alchemie, Meister Schmied: die Kunst, aus natürlichen Mitteln das herzustellen, was die Natur niemals hervorbringen würde.“

„Klingt für mich nach Zauberei“, sagte Learto und spuckte einen Apfelkern aus dem Fenster, „ich bin sicher, das ist verboten und Kardia ist nicht so dumm, in ihrem Haus eine Hexenküche zu betreiben.“

Struggel schwieg, aber der Ausdruck in seinem Gesicht verhieß ein Vorhaben, das Learto ganz und gar nicht gefiel.

„Nein, nein, nein! Vergesst das schnell wieder!“, sagte der Schmied. „Nicht mit mir, Struggel! Ich werde nicht zum Verbrecher, nur weil Ihr unter Verfolgungswahn leidet. Ich bin mein ganzes Leben lang rechtschaffen gewesen und habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Und ich muss Euch warnen: Ich werde nicht tatenlos mitansehen, wenn Ihr ein Hausrecht brecht. Nie und nimmer!“

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür.

Davor stand das Mädchen mit der spitzen Nase, das Learto am frühen Morgen geweckt hatte.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

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