Goldfall – Kapitel 14: Ikis und das Gold

Kaum hatte er sie herein gelassen, unterzog Learto das Mädchen auch schon einem Verhör, wer sie sei, was sie mit Struggels Unfall zu tun habe und warum sie danach so schnell verschwunden sei.

„Ich bin Ikis, aber… hat er Euch nicht von mir erzählt?“

Struggel hatte bisher misstrauisch in seinem Bett gekauert. Nun streckte er überrascht den Kopf vor.

Ikis ging auf ihn zu und tätschelte ihm freundschaftlich die Hand. „Struggel! Ich bin so erleichtert“, sang sie überschwänglich, „dass es dir besser geht! Ich hatte mir solche Sorgen gemacht.“

Struggel blickte nichtssagend, da scheute Ikis zurück. „Du… du hast keine Ahnung, wer ich bin? Du hast mich… vergessen??“ Sie begann zu weinen.

Learto kratzte sich am Kopf. „Na ja,“ sagte er und tätschelte ihr gutmütig die Schulter, „das kann vorkommen. Hier, setz dich, Mädchen, möchtest du vielleicht Nüsse?“

Ikis trocknete sich die Augen mit dem Ärmel ihrer Kutte. „Habt Dank, Ihr seid so großzügig, Meister. Auf diese Weise werde ich mich vielleicht doch noch einige Tage durchbetteln können, jetzt, wo der Winter so plötzlich wieder über das Land gekommen ist…“ Sie unterdrückte ein weiteres Schluchzen.

Learto furchte die Stirn. „Tja, Mädchen, du wirst dir wohl, so wie wir alle, eine Arbeit suchen müssen. Payaon lehrt uns, dass wir nicht verzagen, solange wir nicht versagen.“

So viel Bigotterie hielt Ikis nicht aus. Sie unterdrückte einen Brechreiz, dann lächelte sie wieder in Leartos Richtung. „Ja… das will ich gerne tun, doch es ist so schwer, wenn man so gar nichts hat – und niemanden…“ Sie verfiel in ein herzzerreißendes Wimmern: „Ich schäme mich fast, es zu sagen… aber könntet Ihr mir etwas Geld leihen? Nur, damit ich mir etwas Kleidung und Seife kaufen kann und vielleicht ein Dach über dem Kopf. Ich zahle es euch auch zurück, sobald ich eine Arbeit gefunden habe. Versprochen!“

Learto schüttelte mitleidig den Kopf. „Bedauerlicherweise habe ich selbst kein Geld.“

Sie stutzte. „Nicht?“

Er machte ein mitleidiges Gesicht.

Ikis blickte misstrauisch zu Struggel. Sie schien sich über etwas zu ärgern. Ihre Tränen waren wie fortgewischt, als sie plötzlich aufsprang und rief: „Ihr lügt doch!“

Leartos Miene verfinsterte sich. „Wie kannst du’s wagen, du Göre…“

Ikis überlegte kurz, erkannte aber schnell, dass sie durch ihre unbeherrschten Ausbruch ihren Betrug zunichte gemacht hatte. Sie steuerte auf die Türe zu, doch Learto fing sie mit einer Hand auf. „Halt, hier geblieben! Wer zum Boschkol bist du, woher kennst du ihn und wieso nennst du mich einen Lügner?“ Er drückte sie unsanft zurück auf den Stuhl.

Sie fluchte wie ein Rohrspatz, was wesentlich besser zu ihr passte als das weinerliche Schauspiel, das sie soeben geboten hatte. „Ich weiß, dass du Geld hast, Muskelprotz, weil ich dich bestehlen wollte, in der Wegestation nahe Gensbrund. Ich hatte dein verdammtes Gold schon in der Hand, verstehst du? Ich hatte es schon in der Hand!! Verdammter Mist…“

„Was soll das heißen, du wolltest mich bestehlen? Du hast mich bestohlen, Elendige!“ Learto schüttelte sie kräftig durch.

„Nein, nein, hab ich nicht. Hör‘ auf! Das hab ich nicht… er hat es!“ Sie deutete wieder auf Struggel, der immer noch ausdruckslos starrte. Irgendwie kam ihm Ikis‘ Gesicht bekannt vor, er wusste nur nicht, woher.

„Er hat mich dabei ertappt. Entweder musste ich ihm das Geld zurück geben oder er würde laut schreien. Was hätte ich denn tun sollen?“

„Was hast du getan?“, wollte Learto wissen, „Ich nämlich habe das Gold nie wieder gesehen. Entweder du bist eine verdammte Lügnerin oder…“

Beide starrten auf Struggel. Dieser kroch aus dem Bett: „Ich weiß von nichts, Meister Schmied, das müsst Ihr mir glauben! Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals gesehen zu haben, und Euer Gold habe ich auch nicht. Wenn Ihr mir nicht glaubt, durchsucht meine Sachen!“

Learto widerstrebte das, aber da der Trosh ihm die Erlaubnis gab, öffnete er dessen Truhe, holte die schwere Lederplane hervor, griff mit der vollen Länge seines Armes hinein – und förderte von ganz unten einen Geldbeutel zu Tage.

„Bücher, ja? Sieht mir eher aus wie Gold. Mein Gold!“

„Das wäre ja wohl geklärt“, versuchte sich Ikis zu verdrücken, doch Learto stellte sich ihr in den Weg. „Du gehst dann, wenn ich es sage. Und Ihr, Struggel, solltet jetzt eine gute Erklärung parat haben.“

Natürlich hatte er keine. Er konnte nur mutmaßen, dass er vorgehabt hatte, Learto das Geld wieder zu geben, und dann darauf vergessen hatte.

„Darüber, lieber Freund, werden wir noch ausführlich zu reden haben. Und du, diebische Elster,“ brüllte Learto erzürnt, „mach‘, dass du schnell fortkommst, bevor ich darüber nachdenke, dich für das bestrafen zu lassen, was du angefangen, aber nicht zu Ende gebracht hast.“

„Moment mal, ich habe ihm das Leben gerettet. Ich finde, mir steht eine Belohnung zu!“

Learto grollte laut und griff zu seinem Hammer, worauf Ikis eilig das Weite suchte und über die Treppen nach unten hastete.

Hinter ihr fiel die Tür krachend zu.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

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