Goldfall – Kapitel 15: Nächtliches Treiben

Am nächsten Tag ging das Gerücht, dass die Priesterinnen während ihrer Meditation in eine göttliche Ekstase verfallen seien, die dazu diene, die letzten Details über den Willen der Göttin zu eruieren. Struggel konnte diese Verzögerung nur Recht sein. Er würde noch Zeit brauchen, die „dunklen Machenschaften“ der Harfenspielerin aufzudecken.

Unglücklicherweise war Kardia ein derart hoch angesehenes Mitglied der Dorfgemeinde, dass es unmöglich schien, irgend jemanden dazu zu bringen, etwas Belastendes über sie zu vermelden. Jedermann schwelgte nur von ihrer göttlichen Musik und ihren kunstvollen Instrumenten.

Allmählich wurde Struggel klar, dass es ihm vielleicht niemals gelingen würde, sie eines Verbrechens zu überführen. Ebenso allmählich wuchsen in ihm Zweifel, ob sie tatsächlich etwas mit dem gescheiterten Wunder zu tun hatte. Denn selbst wenn sie schuldig wäre: Wie sollte es ihr gelingen, eine Göttin davon abzuhalten, Gold durch einen Wasserfall zu schicken?

Es half nichts: Durch Reden und Denken kam er nicht weiter. Es war Zeit zu handeln.

„Hier, das ist die Hälfte meines Goldes“, sagte er im Schatten einer Baumgruppe und übergab einen Beutel mit Münzen.

Ikis grinste hinterhältig. „Drei Stunden nach Sonnenuntergang, wenn es drinnen dunkel ist. Geht klar.“

Bevor sie sich zum Gehen wandte, fragte sie verwundert: „Kannst du dich wirklich nicht erinnern? Wenn doch,“ sie schmunzelte bewundernd, „bist du der beste Lügner, den ich je getroffen habe!“

Struggel antwortete nicht, sondern verließ wortlos die Baumgruppe.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang schlenderten Struggel und Learto durch das abendliche Goldfall. Der Schmied hatte den sonderbaren Weg, den sein Geld genommen hatte, bereits verdaut und Struggel seinen Fehler nachgesehen. Es war schwierig, einem Trosh für sein schlechtes Gedächtnis böse zu sein.

„Sagt an, Struggel, was soll das hier werden? Ich hoffe, wir jagen nicht irgendwelchen Tönen hinterher, denn dafür sind mir die Nächte ehrlich gesagt zu kalt…“ Learto zog den wollenen Wams enger um sich.

„Wir sind auf der Suche nach etwas Unbestimmtem, Meister Schmied, nach etwas Schlechtem. Menschlicher Makel, nannte es die Priesterin. Welche Zeit sollte besser geeignet sein, um das Schlechte als das zu enttarnen, was es ist, als die Nacht?“

Learto kratzte seine von blondem Flaum bedeckte Wange. Als sie zum Dorfplatz zurückkamen, rief er erstaunt: „Heda, was ist das?“ Die Vordertür zu Kardias Haus stand eine Spaltbreit offen.

Nirgendswo war Licht.

Struggel hüpfte vor Begeisterung. „Schnell, schnell, gehen wir rein und sehen wir nach!“

Learto zögerte und nannte ein Dutzend Gründe, warum sie das nicht tun konnten.

„Nein, nein, Meister Schmied, wir brechen nicht ein, sondern sehen nur nach dem Rechten. Nennt es Nachbarschaftshilfe!“ Mit diesen Worten zappelte er bereits vor, sah sich kurz um und verschwand im Inneren des Hauses.

„Wartet!“, rief Learto leise. „Ich komme mit. Aber nur, um auszuschließen, dass sich irgend jemand in Gefahr befindet.“

Vor allem dachte er dabei an Struggel.

Mondlicht fiel durch Kardias Fenster und tauchte das Innere ihres Hauses in bläuliches Licht.

Learto strich ehrfurchtsvoll über die Scheiben. Die größten Tempel leisteten sich Glasfenster, üblicherweise in den Farben der jeweiligen Gottheit, manche Burgen hatten ebenfalls welche in der Palas, aber noch nie hatte Learto so etwas in einem Dorf gesehen. Es fühlte sich glatt und feucht an und quietschte wie ein Frischling, wenn man darüber strich.

Die Glasfenster waren aber nicht das einzig Besondere: Die Inneneinrichtung war aus bester Erle und meisterhaft verarbeitet, mit geschnitzten Kassetten an der Decke, kunstvollen Wandtäfelungen, Intarsien im Parkett und aufwändig verzierten Kommoden. Kardias Mann musste daran viele Monde gearbeitet haben.

„Frau Kardia?“, flüsterte Learto vorsichtshalber, immer wenn er einen neuen Raum betrat. „Ist jemand hier?“

Niemand war hier. Im fahlen Licht zeichnete sich vor Learto die riesige Silhouette der goldenen Harfe ab. Weniger deutlich auszunehmen waren die zahlreichen Instrumente, die an den Wänden hingen oder in Regalen standen. Es waren Fiedeln, Schellenringe, Trommeln, verschiedene Arten von Lyren, Flöten und Glöckchen.

Auf einmal berührte etwas Leartos Bein. Er wirbelte herum, doch es war nur Struggel, der wie beiläufig erwähnte, dass er oben niemanden gefunden habe.

„Das heißt dann wohl, es ist alles in Ordnung. Gehen wir!“

„Nichts ist in Ordnung, Meister Schmied! Wo ist die Harfenspielerin denn zu solcher Stunde, hm?“

Er zappelte in die Mitte des Raumes und berührte die Harfe. Das Blattgold, mit dem sie verziert war, fühlte sich kalt an.

Learto trat derweilen unruhig auf der Stelle. Er gestikulierte mit dem Hammer, den er immer bei sich trug, in Struggels Richtung: „Was soll das jetzt wieder? Wollt Ihr uns vielleicht ein Ständchen bringen?“

Da hielt der Trosh inne und erinnerte sich, dass er in jener Nacht, in der der Winter zurück gekommen war, eine Melodie, auf Harfe gespielt, gehört hatte und kurz danach ein dumpfes Grollen.

Eilig kniete er sich auf den Boden, holte sein Büchlein hervor und blätterte bis zu seinen Aufzeichnungen, während Learto drohte, ihn alleine zu lassen, wenn er den Unfug nicht augenblicklich sein ließ und mit ihm nach draußen käme. Der Trosh schien ihn indes nicht einmal wahrzunehmen. Er begann nur leise zu summen und griff schließlich zu einer der Saiten der Harfe.

Learto machte einen Satz nach vorne, doch Struggels Finger ließ die gespannte Saite bereits los, und ein durchdringender Ton hallte durch den Raum, sogar durch das ganze Haus und, wie ihnen schien, auch über den Dorfplatz.

Learto krümmte sich und unterdrückte seinen Ungemach. „Seid Ihr von Sinnen?! In wenigen Augenblicken wird Kardia hier sein und das halbe Dorf mit ihr, und wir, Struggel, werden im Kerker landen! Das hat mir noch gefehlt! Verurteilt wie ein gewöhnlicher Dieb. Und das nur wegen Euch und Euren Wahnvorstellungen!“

„Seid endlich ruhig und helft mir gefälligst“, krächzte Struggel ungewohnt entschieden, „die Harfenspielerin hat das Haus nicht verlassen. Sie ist nicht hier und auch nicht sonstwo im Dorf. Was sagt Euch das?“

„Ihr seid völlig verrückt.“

Der Kleine richtete sich zu voller Größe auf und blickte mit klaren Augen durch das Halbdunkel. „Das Mädchen mit der spitzen Nase hat für mich einen Stein vor die Tür gelegt. Deshalb weiß ich, dass niemand dieses Haus in den letzten Stunden verließ oder betrat. Niemand ist hier, also sagt mir, Meister Schmied: Wo ist die Harfenspielerin? Wo? Und jetzt helft mir, diese unselige Melodie zu spielen. Wie Ihr wisst, sind wir Trosh nicht gerade für unsere Musikalität berühmt.“

Learto schluckte und warf einen Blick auf Struggels Aufzeichnungen. „Ich bin Schmied, kein Barde. Meinen Bruder Kolyn bräuchten wir hier. Er konnte Flöte spielen, ich aber habe immer nur auf einen kleinen Amboss geschlagen. Andererseits – so schwer kann es doch nicht sein, oder?“

Unruhig überflog er die Striche in dem kleinen Buch und klopfte mit den Fingernägeln auf die Saiten der Harfe. Struggel versuchte sich angestrengt zu erinnern. „Nein, es war höher… nein, nicht so hoch…. ja, in etwa so, vielleicht doch etwas tiefer….“

Am Ende hatte Learto die Phrase so rekonstruiert, wie Struggel sie im Gedächtnis behalten hatte. „Gut gemacht, Meister Schmied, und jetzt schlagt die Saiten ordentlich an.“

Learto wusste, die Harfe würde im ganzen Dorf zu hören sein. Aber mittlerweile vertraute er dem Trosh und befolgte seine Aufforderung: Sechs Töne hallten in perfekter Harmonie durch den Raum, versetzten die Fenster in Schwingung und echoten zwsichen den Häusern am Dorfplatz.

Während der letzte Ton noch verklang, hob ein dumpfes Grollen an, und der Boden erzitterte. Stein rieb auf Stein, und ein feuchter, klammer Geruch drang von Norden herein, wo sich die Felswand wie von Geisterhand zur Seite schob und einen Geheimgang frei gab.

Struggel schlug sich auf den Kopf. „Natürlich! Ein Geheimgang in den Felsen! Der Gedanke hätte mir früher kommen müssen!“

Learto murmelte etwas, machte ein heiliges Zeichen, dann schnappte er eine Öllampe von der Wand und folgte dem Trosh durch die Geheimtür.

Geradewegs in den Fels, an den Kardias Haus gebaut war.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

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