Die kleinen Dinge

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich freuen bei einem Rollenspiel vor allem immer die kleinen Dinge. Abbildungen von Münzen, Karten, Wappen oder Kalenderdarstellungen. Für Araclia habe ich ein Kalender-Dings in Auftrag gegeben, ohne es genauer zu spezifizieren, und Marco hat ein ganz zauberhaftes Ornament geliefert, das ich euch nicht vorenthalten möchte.

Inhaltlich handelt es sich um das in Araclia weithin gebräuchliche Schema des Naspatischen Kalenders, eingeführt von Königin Naspate während der Goldenen 100 Jahre. Anstelle von 5 namenlosen Tagen (ich habe mich immer schon gefragt, warum sich der Namenlose an einen von Menschen gemachten Kalender hält), habe ich lieber 5 Gedenktage eingeführt, an denen landläufig gefeiert und Andacht gehalten wird. Das Jahr beginnt übrigens nicht oben, sondern links mit der „Uxulawende“, an der die Leute üblicherweise Nüsse knacken und sich freuen, wenn sie eine leere Nuss finden. Die Leere symbolisiert ein offenes, noch nicht vorbestimmtes Schicksal, sozusagen ein Leben, in dem noch alles möglich ist.

Aber mehr dazu beizeiten im Araclia-Kompendium.

Flattr this!

AceOfDice zum Kennenlernen

Vor ca. 2,5 Jahren habe ich die Marke AceOfDice geschaffen und mir vorgenommen, alle meine bisherigen und neuen Erfindungen an die Community zu bringen. AceOfDice ist eine Redaktionsmarke und kein Verlag. Ich selbst verlege mich nicht, sondern bezahle einen Print-on-Demand-Verlag dafür, meine Bücher auf Bestellung herzustellen und zu distributieren. Damit ist die Herstellung auch vergleichsweise kostspielig und meine Margen bestenfalls kostendeckend. Den Rest mache ich als 1-Mann-Betrieb. Damit meine neuen Leser und Follower auch wissen, wofür AceOfDice steht, hier eine kleine Übersicht, die den Blick auf meine Homepage www.aceofdice.com erspart, oder vielleicht auch nicht, denn dort gibt es ja all die Spiele auch zum kostenlosen Download!

Flucht von Valmorca. Diese Drama-Kampagne auf einer Gefangeneninsel war quasi die Generalprobe für meinen Markteintritt. Ich habe in dem Buch 30 Szenarien einschließlich ein Soloabenteuer mit Regeleinführung integriert, dazu ein kleines, überschaubares Insel-Setting sowie das Regelwerk Destiny in Kurzform. Der Kern von Destiny besteht in einem extrem vielseitigen und doch einfachen Würfelsystem, dem W66, sowie in einer Attributematrix, die so aufgebaut ist, dass man keine Fertigkeiten braucht.

Destiny Beginner. Ursprünglich als Vereinfachung geplant, hat sich dieses Spiel in die Herzen meiner Spieler und auch vieler hunderter Menschen gespielt, die es seither gekauft und ausprobiert und euphorisch rezensiert haben – vielen Dank dafür! Es ist aufgrund seines günstigen Preises auch irgendwie mein Geschenk an die Community. Es enthält eine Einführung ins Rollenspiel, Regelwerk, eine ganze Fantasy-Stadt (Lys Marrah) mit zahlreichen Aufhängern und Konflikten, Spielleiter-Kapitel, 3 Szenarien sowie ein Spielleiter-Solo und Beispielcharaktere. Die größte Besonderheit ist die Große Gabe, die es ermöglicht, alle denkbaren Fähigkeiten abzubilden, ohne dass man vorher Talente, Sprüche etc. auswählen oder lernen muss. Losspielen in 5 Minuten ist nicht nur ein Werbespruch!

Destiny Dungeon. Zu diesem Projekt habe ich mich von einem Freund des Old-School-Rollenspiels inspirieren lassen. In 9 Monaten habe ich das Regelwerk Destiny auf Old-School getrimmt, Archetypen gebaut, Regeln für „Erfahrung durch Gold“ entwickelt, ein klassisches Explore-and-Exploit-Setting (Istarea) mit roten Handlungsfäden und Konfliktparteien entworfen und dazu 30 Sandbox-Szenarien konzipiert, die vor allem jene proaktive Kampagnenführung ermöglichen, die für mich Old-School ausmacht. Das Projekt wurde „live“ im AceOfDice-Blog dokumentiert und kann dort auch jetzt noch von der Finanzierung bis zur Veröffentlichung nachgelesen werden.

Polyeder Podcast. 2012 habe ich im Hintergrund an einigen Produkten weitergearbeitet und gemeinsam mit Markus W. den Polyeder Podcast auf Schiene gebracht. Er ist seitdem mein primäres Sprachrohr zu vielen Themen und Neuveröffentlichungen. Unbedingt anhören, falls ihr ihn noch nicht kennt. Erscheint wöchentlich!

Portal. Dieses universelle Fantasy-Rollenspiel-Regelwerk ist mein Beitrag zur deutschsprachigen Old-School. Es ist ein ausgewogenes, vielseitiges Attribute-Fertigkeitensystem á la DSA/BRP, allerdings mit W30 (und nur einem Würfelwurf pro Probe), mit Zaubersprüchen, Artefakten, Elixieren, Regeln für Vertrautentiere, Attacke-Parade im Kampf, würfelbarem Rüstschutz und viele anderen liebevollen Details, die nicht um jeden Preis originell sein wollen, sondern im Gesamtkontext ein schönes, rundes Spiel ergeben. Ich selbst habe es jahrelang gespielt und würde es nicht veröffentlichen, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass es eine verdammt gute Alternative zu gewissen Spielen mit 3 Buchstaben ist.

Destiny Space. Der Erfolg von Destiny Beginner und die dünne Auswahl an erzählerischen Science-Fiction-Rollenspielen hat mich dazu gebracht, das Projekt „Destiny Beginner im Weltraum“ anzugehen. Ich bin gerade dabei, die Destiny-Regeln auf Sci-Fi-Tauglichkeit hin zu modifizieren und dabei das erzählerische Element der Großen Gabe aus Destiny Beginner beizubehalten. All das wird mit einem sehr innovativen Setting im Paket kommen, das – wie Lys Marrah – Konflikte, Aufhänger und diesmal auch explizite Sandbox-Elemente enthalten wird. Ihr dürft gespannt sein, ich bin es jedenfalls!

Araclia. Das ist meine über 10 Jahre lang entwickelte Fantasy-Welt. Ursprünglich als Destiny oder Portal-Welt gedacht, habe ich mich letztlich entschlossen, sie systemunabhängig zu veröffentlichen, damit man sie auch mit zB Dungeonslayers, Fate & Co. spielen kann. Der Kontinent umfasst Kulturen von Eisbarbaren bis hin zu Dschungelvölkern, bietet ganz neue Rassen (keine Elfen oder Zwerge!) und hat im Zentrum eine feudalistische Ritterkultur, innerhalb derer Magie etwas Seltenes, Besonderes, Dunkles darstellt. Entsprechend okkult ist das Wirken der magischen Kaste. Araclia ist ein komplexes Setting mit vielen immersiven Details, die die Welt für Langzeitkamapagnen prädestieren. Gleichzeitig habe ich mich bemüht, die Welt verdaulich zu präsentieren, damit sich der Leseaufwand in Grenzen hält, und auch so, dass Spieler und Spielleiter ultimative Freiheit bei der Gestaltung ihrer Szenarien und Charaktere haben. Araclia wird in 3 Büchern erscheinen: Buch 1 enthält das Grundgerüst (Länder, Städte, Rassen, Völker, Götter), Buch 2 die liebevollen Details (Kalender, Religionen, Krankheiten, Dämonen) zum tieferen Eintauchen, und Buch 3 einige Gruppen- und Solo-Abenteuer.

Destiny – Das Rollenspiel. Dieses Buch werde ich dem Destiny Hauptregelwerk widmen, das bisher nur in einer Kurzfassung in Flucht von Valmorca existiert. Es wird vieles für den SL erklären und breiter ausformulieren und ein Setting (Der Leere Thron) enthalten, das nicht nur Abenteuerideen liefert, sondern auch die bisher veröffentlichten Settings Lys Marrah und Istarea logisch zusammenführt.

Über die Projekte, die danach folgen, möchte ich noch nicht viel verraten, da sie noch vage und weit entfernt sind. Aber ich darf jetzt schon sagen, dass ich mit ihnen die Comfort Zone des traditionellen Rollenspiels verlassen und einige höchst ungewöhnliche Pfade beschreiten möchte. Damit es aber dazu kommt, brauche ich vor allem Euch, liebe Leser und Fans! Bitte teilt diesen Artikel mit Freunden und mit der Community, um AceOfDice noch bekannter zu machen. Folgt mir auf Google+ und auf Twitter und vor allem: Spielt meine Spiele und redet darüber! Vielen Dank für eure Unterstützung!

Flattr this!

Goldfall – Kapitel 20: Epilog

Es war Mittag des nächsten Tages.

Der Heiler mit der schwammigen Nase hatte gegen gutes Gold Leartos Bisswunden desinfiziert und, wo nötig, genäht und Struggel ein Gebräu gegen seine Halsschmerzen verordnet. In allem, so befand er, war es ein Wunder, dass sie noch lebten.

Über ein Wunder sprachen sie auch mit der Hohepriesterin und deren Mutter, die die bislang ergebnislose Ekstase beendeten, als ihnen die jüngsten Ereignisse zu Ohren kamen. Mit heiserer Stimme erinnerte Struggel, nicht ohne Stolz, daran, dass er es gewesen war, der Kardia von Anfang an verdächtigt hatte; nicht wegen ihrer Magie, sondern ob der Genugtuung, die sich an jenem Abend in ihrem Gesicht gespiegelt und ganz und gar nicht zum Scheitern des Mirakels gepasst hatte. Er gab allerdings zu, dass er bis zu dem Zeitpunkt, da sie ihr in ihrem geheimen Labor gegenüber standen, keine Ahnung gehabt hatte, dass das Gold von Menschenhand aus dem Fluss gefiltert worden war.

Die Hohepriesterin bestätigte, dass Lyreya in vielen heiligen Schriften als Hüterin des Geheimnisses ewiger Jugend erwähnt werde. Dass Kardia aber geglaubt hatte, diese durch den Diebstahl des Goldes erlangen zu können, zeige, wie verbittert sie gewesen war und wie wenig sie die Göttin tatsächlich verstanden hatte.

Als die beiden Helden sich anschickten, den Tempel zu verlassen, hielt die Priesterin Struggel noch auf ein Wort unter vier Augen zurück: „Ich habe Eurer Schilderung der Ereignisse aufmerksam gelauscht, Struggel vom Volk der Trosh. Ihr habt Euch mit dem Wesen der Göttin vertraut gemacht, ihre Gaben zu nutzen gelernt und ihre Legenden erforscht. Ihr habt eine schwere Prüfung gemeistert und, wie ich glaube, Euren Glauben gefunden.“

Struggel antwortete nicht. Er starrte einige Herzschläge lang ausdruckslos, dann wandte er sich abrupt um und zappelte Learto hinterher.

Beide kamen überein, dass sie nichts mehr in Goldfall hielt, und so packten sie noch in derselben Stunde ihre sieben Sachen. Als sie die Taverne verließen, wartete der Dorfsprecher Gorwin auf dem frisch angeschneiten Dorfplatz auf sie, um ihnen händeschüttelnd zu danken und sich bei Struggel für den Argwohn, den man ihm entgegen gebracht hatte, zu entschuldigen. Irgendwo im Hintergrund stand der Bärtige und nickte.

Als sie die Dorfmitte zufrieden verließen, hob hinter ihnen Gemurmel an. Sie wandten sich um und sahen, wie Leute durcheinander liefen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich eine Neuigkeit, und binnen weniger Augenblicke bildete sich beim Wasserfall eine riesige Menschenmenge, deren Jubel und Geschrei zwischen den Felswänden widerhallten. Struggel zog Learto an den Beinlingen und verlangte, seinen Stolz außer Acht lassend, dass er ihn augenblicklich hoch hob, damit auch er sehen könne, was da vor sich ging. Als Learto es sah, strahlte er über das ganze Gesicht und entsprach der Bitte nur allzu gerne. Von den Schultern des Schmiedes aus war Struggel Zeuge, wie sich helle, glänzende Strähnen im Wasser bildeten, zuerst nur vereinzelt, dann immer mehr und immer öfter. Die Begeisterung der Leute kannte kaum Grenzen. Sie lachten, weinten und schrien: „Das Wunder! Kommt und seht! Das Wunder!!“, und die Sonne erreichte gerade ihren höchsten Stand, als sich die goldenen Fäden verdichteten und schließlich, mit einem gewaltigen Rauschen, wunderbares Gold aus dem Goldfall schwallte.

Struggels kleiner Mund stand weit offen, und er blinzelte gegen die Strahlen der Sonne, die sich in der gleißenden Fontäne brachen und von Lyreyas Gnade zeugten.

Ende

Flattr this!

Goldfall – Kapitel 19: Die Kaverne

Im Halbschatten erweiterte sich der Tunnel zu einer natürlichen Kaverne.

Ein halbes Dutzend Öllampen, verteilt über fast dreißig Schritt, hingen an den feuchten Wänden und gaben gerade genug Licht, um zu sehen, dass durch das hintere, höher gelegene Drittel der Höhle ein Bach rauschte. Zahllose Tröpfchen hingen in der Luft und trieben einem den Schweiß aus den Poren. Die Feuchtigkeit vermischte sich mit fremdartigen Gerüchen, die weder Struggel noch Learto einordnen konnten. Überall standen Töpfe und Kessel und Tische mit Mörsern, Stößeln und anderem alchemistischen Gerät.

In der Mitte, auf einem kraterartigen, steinernen Sockel, befand sich ein Dreibein mit einem Kessel, an dessen Unterseite rötliche Flammen leckten. Im Schein des Feuers stand Kardia. Ihr graues Haar war zerzaust, und in ihren Augen loderte Wahnsinn. Triumphal hob sie einen Kelch empor, doch dann erspähte sie die Eindringlinge am Höhleneingang.

„Ihr? Wie seid Ihr hierher gelangt? Und wo ist Reißer?“

Struggel blickte sie so finster an, wie er konnte. „Ihr habt mich unterschätzt, Harfenspielerin, und Euer schrecklicher Hund ist Malmerfutter.“

Kardia neigte langsam den Kopf und ließ enttäuscht die Mundwinkel hängen. Dann begann sie zu lachen, schrill und heiser. „Und dennoch bin ich am Ziel meiner Reise! All die Jahre werden hinweggefegt werden wie von einem lauen Frühlingswind. Unschuld und Liebreiz werden das unvergessen machen, was sie mir angetan haben.“

Learto, durch den Blutverlust bleich im Gesicht, stützte sich an einem Stalagmiten ab, während Struggel neugierig wurde. „Was, äh, haben die Jahre Euch denn angetan?“

Kardia blickte auf den Kelch in ihrer Hand. In dem Metall spiegelte sich ihr Gesicht. Sie presste die Lippen aufeinander, um die Traurigkeit zu unterdrücken, die sich wie ein Krampf über ihre Miene breitete. „Zu alt“, schrie sie und richtete wässrige Augen auf Struggel, „zu alt sei ich gewesen für die Weihen der Göttin, könnt Ihr Euch das vorstellen? Ich, die ich meine Gabe von Lyreya selbst empfing! Ich, die ich meine Schönheit und Anmut pflegte und allen Gelüsten versagte, um rein zu sein für sie… für sie.“ Sie fletschte die Zähne.

Struggel und Learto warfen einander Blicke zu.

Da begann Kardia wieder leise zu kichern und auf den Kelch zu deuten. „Das hier wird alles ändern. Alles wird sich ändern. Und Ihr,“ verkündete sie laut, „werdet Zeugen des wahren Wunders von Goldfall werden!“

Sie hob bedrohlich den Kelch, doch Learto und Struggel waren zu weit entfernt, um sie davon abzuhalten. „Ewige Jugend!“, schrie Kardia und leerte den Trank in einem Zug.

Eine golden schimmernde Flüssigkeit rann ihr über das Kinn und tropfte zu Boden. Selbstbewusst schleuderte sie das bronzene Gefäß von sich. Es zertepperte einige herumstehende Kolben und fand schließlich eine Mulde im Boden, in der es langsam hin- und herrollte und die letzten Tropfen flüssigen Goldes preisgab.

Nun verstanden sowohl Struggel als auch Learto, was geschehen war. Das Gold war gar nicht ausgeblieben. Kardia hatte es gestohlen! Ein flüchtiger Blick nach hinten zeigte die Umrisse einer großen Apparatur, mit der die Harfenspielerin es offenbar aus dem unterirdischen Bach gefiltert hatte.

Mit den Fingerkuppen wischte Kardia die Reste des Tranks von ihren Lippen. Dann begutachtete sie ihre Hände, in der Erwartung, dass die Haut glatt und rosa würde, die Altersflecken verschwänden und die Finger wieder zart und feingliedrig würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Haut wurde spröde und platzte auf. Blutige Risse bildeten sich, auch auf ihren Armen und im Gesicht, begleitet von einem Geräusch wie zerknülltes Pergament. Auch ihre Augen wurden stumpf, und während ihre Lippen nach innen sanken, traten ihre Knochen nach außen. Geschwüre bildeten sich an ihrem Hals, und ein Buckel zwang sie erbarmungslos aus ihrer aufrechten Haltung.

Als die Verwandlung abgeschlossen war und sie die gelblichen Krallen an ihren gichtbefallenen Händen sah, hallte ein gellender Schrei durch die Höhle. Mit einer einzigen Handbewegung fegte sie den riesigen Kessel vom Dreibein, so dass er in Struggels Richtung polterte. Der Trosh sah das schwere Gußeisen auf sich zurollen und sprang im letzten Augenblick zur Seite. Hinter ihm zerschmetterte der Kessel einen Holztisch in tausend Teile.

Learto bemühte seine letzten Kraftreserven und stürmte mit erhobenem Hammer vor. „Stirb, Elende!“, rief er und hob zu einem großen Schlag an, doch die Kreatur, zu der Kardia geworden war, fing seinen Arm mit dem ihren ab. Mit der Kraft eines Ghuls zwang sie ihm den Hammer aus der Hand und schleuderte den Schmied nach hinten. Wie eine Puppe flog er, der an die hundert Stein wog, durch die Luft und krachte in ein Wandregal. Tiegel mit Pulver zerbarsten und hüllten ihn in eine rosafarbene Wolke.

Als sie sich Struggel zuwandte, pustete dieser so fest er konnte. Die Sturmböe, die er dadurch erzeugte, fegte sogar Tische an die Wand, doch Kardias Körper stellte sich mit übermenschlicher Kraft dagegen. Mit zwei großen Schritten war sie bei ihm und drückte ihm die Kehle zu. Heiser zischte sie ihm ins Gesicht: „Das ist Eure Schuld. Ihr habt den Trank verdorben. Ihr… Ihr…“

Alles begann sich vor seinen Augen zu drehen, auch Learto, der sich aus dem Staub befreite und hustend nach seinem Hammer tastete. Doch die Kreatur, so viel war gewiss, war mit Waffen nicht zu verletzen. Hilflos strampelte der Trosh in ihrem Griff, und während er in ihre stierenden Augen blickte und die letzte Luft aus seinen Lungen wich, hauchte er: „Lyreya…“

Es war das erste Mal, dass Struggel den Namen der Göttin in den Mund nahm.

Da wusste Learto plötzlich: Lyreya war die Lösung! Die Göttin hatte Kardia ob ihres Frevels zu ihrem genauen Gegenteil verkehrt. Das Gold hatte sie altern und hässlich werden lassen, anstatt ihr Jugend und Schönheit wiederzugeben. Wenn alles genau verkehrt war, dann…

Eilig holte er unter seinem Hemd die kleine hölzerne Flöte hervor, die Struggel verschmäht hatte, und setzte sie an seine Lippen. Der Trosh verlor indessen das Bewusstsein und sank mit geschlossenen Augen in Kardias Klauen zusammen. Learto legte die Finger an die Flöte, wie sein Bruder es immer getan hatte, und er blies sanft, nicht fest. Learto hatte nie die Geduld besessen, der Flöte saubere Töne zu entlocken, doch hier und jetzt musste er es schaffen. Er musste, oder sie beide würden diese Kaverne nicht lebend verlassen! Seine rechte Hand zitterte, und sein Atem ging so unregelmäßig, dass der Ton beinahe in sich zusammen fiel. Doch schließlich drang er voll und rund aus der Flöte und schwoll in der Höhle zu einer Lautstärke an, die sich mühelos gegen das unterschwellige Rauschen durchsetzte.

Wie von einem Hieb getroffen ließ Kardia den Trosh fallen und wirbelte herum.

Learto setzte die Finger anders und blies erneut. Ein weiterer Ton pfiff heraus, zunächst schwanger von Atemluft, doch dann verschloss Learto die Löcher besser, und der Ton vereinigte sich sauber mit dem Hall des letzten. Kardias deformierter Körper hielt sich die Ohren zu.

Learto arrangierte die Finger um und hob zu einem dritten Ton an. Als dieser erklang, wand sich Kardia bereits vor Schmerzen am Boden. Die Musik, die einst ihr Leben war, bedeutete nun ihren Tod. Learto schaffte es noch, der Flöte einen vierten und auch einen fünften Ton zu entlocken, bis Kardias verunstaltete Hülle sich in letzten Zuckungen am Boden wand und erstarb.

Als ihr unseliges Keuchen nicht mehr zu hören war, kroch Learto zu Struggel und stellte erleichtert fest, dass er, wenn auch schwach, atmete.

Er verdammte die Harfenspielerin und ihr Hexenwerk lauthals und zertrümmerte vor Wut einige alchemistische Apparaturen, bevor er sich Struggel auf den Rücken lud, sich mit einem lauten Stöhnen auf die Beine hievte und nach draußen wankte.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

Flattr this!

Goldfall – Kapitel 18: Späte Erinnerung

Es war noch nachts gewesen, als Struggel erneut die Harfe gehört hatte – als würde sie ihn rufen.

Learto schlief noch tief und fest und ließ sich nicht wecken, also schlüpfte der Trosh hastig in sein Übergewand und zappelte nach draußen. Ein kühler Wind wehte über den Dorfplatz und trug eine sich wiederholende Melodie an sein Ohr. Anders als die Nacht zuvor, war der Klang jedoch dünn und fein und gerade laut genug, um ihn neugierig zu machen.

Die Musik ertönte von oberhalb des Wasserfalls, daher zögerte er nicht lange und lief zur Goldfall-Promenade. Auf dem Weg sah er in das Gesicht eines Mädchens, dessen spitze Nase unter einem Kapuzenumhang hervorlugte. Sie kam ihm vage bekannt vor…

Oberhalb des Wasserfalls fand er die Quelle der Melodie: Kardia stand da, in einen wollenen Mantel gekleidet, mit einem langen Schal, der ihren faltigen Hals vor der Kälte schützte. Als sie ihn sah, ließ sie eine kleine Handharfe aus einer knöchrigen Hand in ihren Gürtel gleiten.

„Sieh an, auch Trosh vermögen der Macht der Musik nicht zu widerstehen. Vor allem, wenn sie Sklaven ihrer eigenen Neugierde sind.“

Reißer lag ihr zu Füßen, doch nun erhob er sich und schlich wie ein lauerndes Raubtier um ihn herum. Zu spät erkannte Struggel, dass er sich Kardia ausgeliefert hatte.

„Kommt näher!“, befahl sie, und Struggel spürte Reißers Schnauze in seinem Rücken.

„Euer Spiel wird nicht unentdeckt bleiben, Harfenspielerin. Ich habe Euch durchschaut, und wenn mir etwas Schlimmes widerfährt, wird mein Freund Learto Euch zur Rechenschaft ziehen.“

Kardia warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Ihr wollt mir drohen? Seid nicht närrisch, kleiner Trosh. Niemand hier wagt es, auch nur ein schlechtes Wort über mich zu verlieren. Ich bin Mitglied des Dorfrates seit mehr Jahren als ihr auf dieser Welt seid. Ich bin ein respektiertes Mitglied dieser Gemeinde und über jeden Zweifel erhaben. Ich habe das Talent des Harfenspiels von der Göttin selbst erhalten, und Ihr würdet staunen, welche Macht damit einher geht…“

Struggel schwitzte, während er Reißers Druck weiter nachgab und sich langsam Kardia näherte. „Das ist also Euer Verbrechen! Ihr missbraucht Eure Gabe und lästert auf diese Weise der Göttin. Darum blieb das Wunder aus. Euretwegen, nicht meinetwegen!“

Kardia kicherte amüsiert. „Habt Ihr Euch tatsächlich so wichtig genommen, dass Ihr glaubtet, das Wunder von Goldfall wäre Euretwegen ausgeblieben? Wegen eines kleinen, unbedeutenden Gnomes?? Ihr überschätzt Euch maßlos, Struggel vom Volk der Trosh, und das ist auch der Grund, weshalb Eure Neugierde hier und jetzt ein Ende finden wird. Tragischerweise werdet Ihr nie erfahren, worum es hier wirklich geht.“

Struggel blickte sich hilfesuchend um. „Was habt Ihr vor? Was habt Ihr vor??“ Da spürte er, wie Reißers Kopf sich unter seinen Hosenboden schob und ihn mit einem kraftvollen Ruck nach oben katapultierte. Während sich alles um ihn drehte und sein Körper über die Absperrung fiel, schrie er und schaffte es gerade noch, sich mit einer Hand am Seil festzuhalten.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

Flattr this!

Goldfall – Kapitel 17: Reißer

Speichel troff dem Hund von den Lefzen, als er für einen kurzen Augenblick innehielt. Er schien es zu genießen, die beiden Eindringlinge durch seine bloße Erscheinung in Schrecken zu setzen. Reißer war ein catorischer Kampfhund von fast einem Schritt Schultermaß. Sein Fell war kurz und dunkel. Darunter wölbten sich Muskeln und Sehnen, und seine Läufe endeten an den Pfoten mit scharfen, gelben Krallen.

Learto kam gerade noch dazu, den paralysierten Trosh nach hinten zu stoßen und den rechten Arm hochzureißen, ehe das Monster wie ein Raubtier auf ihn zu sprang und sich in seinem Arm verbiss. Dicke Fänge bohrten sich in seine Elle, und Blut troff zu Boden. Learto brüllte und ließ den Hammer fallen.

Struggel rappelte sich auf und musste mitansehen, wie Reißer Learto zu Boden zog, auf ihn eindrang, immer wieder zuschnappte, die Fänge löste, umherwirbelte und sich erneut in ihn verbiss. Leartos rechter Arm war blutüberströmt und hing schlaff herunter, doch seine Beine hatte der Schmied noch, und es gelang ihm, Reißer mit einem gezielten Tritt zwischen die Rippen nach hinten zu befördern. Das Monster jaulte kurz auf, war aber gleich wieder auf den Füßen und sprang erneut auf ihn zu. Learto nutzte den kurzen Augenblick, um mit der linken Hand seinen Hammer aufzunehmen, doch zum Zuschlagen kam er nicht mehr…

Während Struggel angestrengt nachdachte, was er tun konnte, stellte sich Reißer auf die Hinterläufe, und sein Raubtiergebiss schoss auf Leartos Gesicht zu. Dieser krümmte sich zum Schutz zusammen, doch da verbiss sich der Hund in seinen Nacken. Wieder brüllte Learto auf und warf sich nach hinten, in der Hoffnung, Reißer gegen die Wand drücken zu können. Doch das Vieh war gewieft, es ließ ab und lief um Learto herum, um ihn von vorne tot zu beißen.

Struggel konnte die Elemente manipulieren, doch wem sollte das hier und jetzt nutzen? Gedankenlos lief er nach vorne und wandte seine gesamte Kraft auf, um Reißer am Schwanz zu ziehen. Das Knurren des Hundes setzte für einen Augenblick aus, dann drehte er sich flink um und schnappte nach Struggels Hand. Seine Augen blitzten böse auf, so als wollten sie dem Trosh Gelegenheit geben, sich auf den Zeitpunkt seines Todes vorzubereiten.

Da traf Leartos Hammer mit voller Wucht die linke Flanke, und Reißer zuckte jaulend zur Seite. Der Schmied hob den Hammer erneut, doch auch wenn er mit der linken Hand stark war, geschickt war er damit nicht, und so hatte Reißer mehr als genug Zeit, ihm in den Arm zu fallen und ihn gegen die Wand zu drücken. Mit letzter Kraft hielt Leartos zerfleischte Rechte das Monster auf Abstand, doch Reißer schnappte immer wieder nach seiner Kehle, und es war nur eine Frage von Herzschlägen, bis der Kampfhund sein Ziel erreichen würde.

Da sah Struggel die Öllampe hinter Reißer. Learto hatte sie fallen lassen, als das Monster auf sie zugelaufen war. Struggel drehte sich zur Wand, kniff die Augen zusammen, sein Gesicht lief rot an, seine Schläfen pochten, im Hintergrund vermischte sich das Geräusch von Leartos Todeskampf mit blutrünstigem Knurren, und dann zerbarst die Öllampe. Tausend Scherben zischten durch den Korridor und bohrten sich in Reißers Fleisch. Gleichzeitig loderte das Feuer in einer gewaltigen Stichflamme auf, die den Hund arg versengte.

Dann war es dunkel.

Struggel öffnete die Augen wieder und sah, wie sich die üblichen Grauschattierungen seiner Dunkelsicht herausbildeten. Learto sank an der Felswand zusammen. Die Kreatur jaulte vor Schmerz und wand sich im Kreis, im verzweifelten Versuch, die Glassplitter in seinem Rücken loszuwerden. Struggel erspähte Leartos Hammer am Boden und ergriff ihn mit beiden Händen. Er rannte auf Reißer zu und schmetterte ihm den Hammer so fest er konnte auf den Schädel. Der Hund gab einen letzten, leidvollen Laut von sich und sank reglos zusammen.

Der Trosh schlug noch einmal zu, um ganz sicher zu gehen, dann wandte er sich zu Learto: „Meister Schmied, geht es Euch gut?“

Learto ächzte kraftlos. „Nein. Ich glaube, mein Arm ist kaputt, und sehen kann ich auch nichts…“

„Die Lampe ging zu Bruch, aber Ihr könnt unbesorgt sein; der schwarze Hund ist tot. Hier ist Euer Hammer. Seid Ihr in der Lage, weiterzugehen?“

Learto kämpfte sich in den Stand. Schwerfällig schleppten sie sich über Reißers Kadaver hinweg, bis sie am Ende des Tunnels Licht ausnahmen.

„Was auch immer uns dort erwartet,“ sagte Learto leise und bemühte sich um sein Gleichgewicht, „ich werde Euch keine Hilfe sein können.“

„Ohne den Hund wird uns die Harfenspielerin wohl kaum gefährlich werden“, zeigte sich Struggel zuversichtlich.

Dann erinnerte er sich, wie es zu seinem Unfall an der Felswand gekommen war.

Dies war eines der 20 Kapitel der Fantasy-Geschichte Goldfall, die im Rahmen dieses Blogs veröffentlicht wird. Lies morgen im nächsten Blogpost, wie die Geschichte weitergeht!

Flattr this!